Werden wir bald keinen Geldbeutel mehr brauchen?

Geldbeutel, Brieftasche, Portemonnaie, er, sie, es hat viele Namen und enthält außer Fotos, Personalausweis, Führerschein, Bank- und Kreditkarten, Kundenkarten, Krankenkassenkarten, vielen Zetteln, Belegen, alten Eintrittskarten und einem Einkaufswagenentriegelungsplastikdingens, statisch gesehen, genau 103 Euro in Scheinen und Münzen.

Wäre ich Geldbeuteldesigner, würde ich anfangen, neue zu entwerfen, denn Scheine und Münzen könnten ein Auslaufmodell sein. Eine Karte für alles, eine Handy-App oder der Fingerabdruck könnten die Alternative sein – in Zukunft.

smartwatch to pay

Bezahlen per Smartwatch ist schon da.

Wir Deutschen lieben unser Bargeld

Aktuell zahlt der Deutsche 60 % aller Einkäufe in bar. Je geringer die Summe, desto lieber. Damit outet er sich als sehr zurückhaltend, was neue Zahlungsformen angeht. Ob er das absichtlich macht, weil nur Barzahlung anonym ist und er bewusst keine digitalen Spuren hinterlassen möchte, oder weil er den Kaffee to go, seinen Eisbecher oder den Fahrschein schlicht und einfach nicht bargeldlos zahlen kann, ist die entscheidende Frage. Wer in Deutschland bargeldlos leben will erntet häufig ein Schulterzucken. „Haben wir nicht“, „Geht gerade nicht“, „Nur ab 20 € aufwärts“, …

ABBA: Nur mit Karte!

Andere Länder sind weiter. Schweden z. B. hat kein Problem beim Bezahlen ohne Geld. Scheine und Münzen spielen kaum noch eine Rolle. Karten und  „Swish“, eine Handy-App, ersetzen das Portemonnaie. Selbst die Kirchenkollekte sammelt ein Automat per Touchscreen, und viele Bankfilialen führen kein Bargeld mehr. Es wird schlicht und einfach nicht mehr „nachgefragt“. Wer in Schweden große Beträge in bar bezahlen möchte, gilt als nicht sehr vertrauenswürdig, denn Bargeld steht mehr und mehr für Kriminalität.

Stockholm, Sweden

In Stockholm ist es völlig normal, bargeldlos zu bezahlen.

Eine Kollegin ist gerade für eine Woche in Schweden – mal sehen, was sie so zu erzählen hat. Ins ABBA-Museum in Stockholm kommt sie auf alle Fälle nur noch mit Karte – „Bargeld wird nicht akzeptiert“ steht auf der deren Homepage. „Mamma Mia!“ statt „Money, Money, Money“.

500 Euro Scheine werden genutzt – nur nicht zum Bezahlen?

Ganz im Gegensatz zu Schweden hat im Euroraum die Bargeldmenge in den letzten Jahre kontinuierlich zugenommen. Aktuell gibt es 1.083 Milliarden Euro in Scheinen und 26 Milliarden Euro in Münzen. (2002: 240 Milliarden). Der größte Schein, der 500er, deckt fast ein Drittel dieser Summe ab  – rund 300 Milliarden Euro (594 Millionen Scheine). Es wird vermutet, dass viele davon im Ausland liegen und der Schein bevorzugt zur Geldaufbewahrung und bei „illegalen“ Geschäften zum Zuge kommt. Im täglichen Zahlungsverkehr kommt er kaum vor. Oft wird er nicht akzeptiert. Seine Abschaffung ist beschlossen. Mir gehört nicht einer der vielen 500er! Ich glaube, ich hatte bisher nur einmal welche – zum Gebrauchtwagenkauf und die dann nur für zwei Tage und mit einem mulmigen Gefühl.

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Große Scheine – das war einmal

„Große Scheine“ sind weltweit ein Auslaufmodell. Harte Währungen haben kaum noch Banknoten mit hohen Werten im täglichen Geldumlauf. Der US-Dollar in „Cash“ wird höchstens noch bis 100 $ akzeptiert, beim Britischen Pfund ist bei 50 Pfund Schluss, Japanische Yen? Da gibt es einen 10.000er, der ist 90 Euro wert. Rubel, Yen, Dollar, Kronen, Pesos, Dinar, Rupie, Rand, Rial, Baht, usw.? Nichts mit hohem Wert dabei.

Bis 2000 gab es in Kanada einen 1000 Dollar Schein (= 680 Euro) und der Spitzenreiter bis 2014 war der 10.000 Dollar-Schein aus Singapur – der war stattliche 6.500 Euro wert. Aktuell ist der teuerste Schein, mit dem man bezahlen kann, die 1000-Franken-Banknote aus der Schweiz. Sie ist umgerechnet um die 900 Euro wert.

Young woman withdrawing money from credit card at ATM

Ohne Bargeld bedeutet im Umkehrschluss, dass keine Geldautomaten mehr benötigt würden!

Kleine Münzen – ebenfalls bald Geschichte?

Genau wie die ganz großen Scheine sind auch die ganz kleinen ein Problem. Münzen sind teuer in der Herstellung und ihr Materialwert kann größer sein als der aufgeprägte Nennwert. Kein gutes Geschäft für die ausgebende Notenbank. Deshalb stehen auch die ganz kleinen Werte zur Disposition. Im Euroraum sind die 1 und 2 Cent-Münzen betroffen. Finnland hat das z.B. schon umgesetzt. Beim Bezahlen wird einfach auf ,05 oder ,00 auf- oder abgerundet.

Das Gute am Bargeld: Ist der Geldbeutel leer, dann ist er eben leer

Im bargeldlosen Bezahlen liegt noch ein ganz anderes Risiko. Man verliert viel schneller die Kontrolle. Je leichter das Geldausgeben geht, desto schwerer ist es den Überblick über sein Konto zu behalten. Bargeld im Geldbeutel ist etwas Handfestes. Wenn man es in „in die Hand“ nimmt und ausgibt, merkt man direkt, wie es weniger wird und man merkt, wenn es „alle“ ist. Das neue Wort dafür: tangible = greifbar, handfest, materiell.

Geht es überhaupt ganz ohne?

Für alle Kunden, deren Geldbeutel schon heute kein Münzfach mehr hat, haben wir einen praktischen Einkaufswagenentsperrer für den Schlüsselbund (als Ersatz für das Einkaufswagenentriegelungsplastik-dingens aus dem ersten Absatz) – fragen Sie einfach mal Ihren Berater.

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Viele Einkaufswagen benötigen heutzutage nicht einmal mehr Münzen zum Entriegeln.

Ah, und die Kollegin ist auch wieder zurück aus Schweden. Es hat ihr sehr gefallen. Bargeld hat sie tatsächlich wenig gebraucht, aber ganz ohne ging es dann doch nicht und Bargeld wurde überall akzeptiert. Das Abba-Museum hat sie nicht besucht.

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